MAKE 2025-2030: Belgiens Plan für die Reindustrialisierung
MAKE 2025-2030: Belgiens Plan für die Reindustrialisierung
Wenn du dich bisher mit Belgien vor allem über Bier, Schokolade und die Altstädte von Gent oder Antwerpen beschäftigt hast, kennst du wahrscheinlich die andere Seite des Landes noch nicht: die eines Industriestandorts, der gerade um seine Zukunft ringt. Seit 2023 ist die reale Wertschöpfung der belgischen Industrie spürbar geschrumpft, in der Metallbranche und der Chemieindustrie sogar zweistellig. Als Antwort darauf hat die föderale Regierung im Mai 2025 ein ambitioniertes Programm gestartet: „MAKE 2025-2030". In diesem Artikel erfährst du, was hinter dem Plan steckt, wer ihn trägt und warum er für die wirtschaftliche Zukunft Belgiens so wichtig ist.
Was ist MAKE 2025-2030?
„MAKE 2025-2030" ist ein interfederales Industrieplattform-Projekt, das die belgische Bundesregierung im Mai 2025 auf den Weg gebracht hat. Ins Leben gerufen wurde es von Premierminister Bart De Wever und Wirtschaftsminister David Clarinval, die damit ein klares Ziel verfolgen: die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie zu stärken und dem Land seine industrielle Schlagkraft zurückzugeben. Das Besondere daran ist die Herangehensweise. Statt eines rein föderalen Maßnahmenpakets bringt MAKE alle drei Regionen – Flandern, Wallonien und Brüssel – an einen Tisch, gemeinsam mit den wichtigsten Arbeitgeberverbänden des Landes.
Der Plan ist Teil der Koalitionsvereinbarung der aktuellen Regierung und setzt an mehreren föderalen Hebeln gleichzeitig an: Steuerpolitik, Arbeitsmarkt, Energie, Verwaltungsvereinfachung und Rechtssicherheit für Investoren. Bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode sollen aus den strategischen Zielen konkrete Maßnahmen werden, die Belgiens industrielle Basis wieder festigen.
Warum jetzt? Der Hintergrund des Plans
Die Zahlen, die zu MAKE 2025-2030 geführt haben, sind deutlich: Zwischen 2019 und 2023 ist die reale Wertschöpfung der belgischen Industrie um rund 6 Prozent gesunken. In den besonders energieintensiven Branchen fiel der Rückgang noch drastischer aus – die Metallindustrie verlor etwa ein Viertel ihrer Wertschöpfung, die Chemiebranche sogar knapp 30 Prozent. Hinter diesen Zahlen stehen strukturelle Probleme: hohe Energiekosten, ein wachsender Investitionsbedarf in die Infrastruktur und zunehmender internationaler Wettbewerbsdruck, insbesondere aus Regionen mit günstigeren Energiepreisen oder weniger strengen Regularien.
Für Branchenverbände wie Voka oder essenscia (der Verband der Chemie- und Pharmaindustrie) war klar: Ohne ein koordiniertes Vorgehen über die Ebenen hinweg lässt sich der Abwärtstrend nicht stoppen. Da viele industriepolitische Baustellen genau an der Schnittstelle zwischen föderaler und regionaler Zuständigkeit liegen, war ein Plattform-Ansatz wie MAKE naheliegend.
Die vier Arbeitsgruppen im Überblick
Um die Ziele in konkrete Maßnahmen zu übersetzen, wurden im Rahmen von MAKE 2025-2030 vier prioritäre Arbeitsgruppen eingerichtet:
- Energie: Senkung der Energiekosten für die Industrie und Ausbau der Energieinfrastruktur.
- Wirtschaftliche Interessenvertretung: ein fairer Binnenmarkt und faire Wettbewerbsbedingungen auf europäischer und internationaler Ebene.
- Verwaltungsvereinfachung: Abbau bürokratischer Hürden für Unternehmen.
- Kleine modulare Reaktoren (SMR): eine neu geschaffene Arbeitsgruppe, die sich mit dem Einstieg in diese Kernkraft-Technologie auf belgischem Boden beschäftigt.
Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden regelmäßig einer zentralen Steuerungsgruppe vorgelegt, in der neben dem Premierminister auch die Ministerpräsidenten der Regionen sowie Vertreter der föderalen, wallonischen und Brüsseler Arbeitgeberorganisationen sitzen.
Energie als zentraler Hebel
Innerhalb von MAKE 2025-2030 nimmt die Arbeitsgruppe Energie eine besondere Stellung ein, geleitet vom föderalen Energieminister Mathieu Bihet. Ihr Ziel ist es, gleichzeitig an den Energiekosten und am Infrastrukturausbau zu arbeiten, abgestimmt auf die europäischen Prioritäten. Konkret geht es unter anderem darum, Wege zu finden, die Auswirkungen notwendiger Netzinvestitionen auf die Übertragungs- und Verteilnetztarife zu begrenzen, sowie um eine stärkere Nutzung europäischer Finanzierungsinstrumente.
Ein bemerkenswerter Baustein ist die im April 2026 gestartete Arbeitsgruppe zu kleinen modularen Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR). Am Gemeinsamen Forschungszentrum der EU im flämischen Mol wurde damit offiziell der Startschuss für die belgische SMR-Forschung gegeben – ein Signal dafür, dass Belgien wettbewerbsfähige, regelbare und CO2-freie Energie als Schlüssel zur Reindustrialisierung betrachtet. Die Positionen dazu gehen allerdings auseinander: Während Befürworter in SMR einen wichtigen Baustein für Energieunabhängigkeit und Dekarbonisierung sehen, warnen Kritiker aus dem grünen politischen Lager, dass sich die Klimaziele für 2030 und 2050 damit ohnehin nicht erreichen ließen.
Föderal und regional: eine ungewöhnliche Allianz
Was MAKE 2025-2030 von früheren Initiativen unterscheidet, ist die enge Einbindung der Regionen. Belgiens föderale Struktur führt sonst häufig dazu, dass Wirtschaftspolitik zwischen Flandern, Wallonien und Brüssel zerfasert. Bei MAKE hingegen sitzen die Ministerpräsidenten der drei Regionen von Anfang an mit am Tisch der zentralen Steuerungsgruppe. Für Branchenverbände wie Voka ist genau das der entscheidende Mehrwert: ein Forum, in dem europäische, föderale und regionale Zuständigkeiten zusammengedacht werden, statt sich gegenseitig zu blockieren.
Gerade für Flandern, wo sich viele energieintensive Betriebe konzentrieren, eröffnet dies die Chance, bei Zukunftstechnologien wie CO2-Abscheidung und -Nutzung (CCUS) eine Vorreiterrolle zu übernehmen, sofern die politischen Weichen rechtzeitig gestellt werden.
Kritik und offene Fragen
So breit die Unterstützung für MAKE 2025-2030 bei Arbeitgeberverbänden auch ausfällt, ganz ohne Reibung verläuft der Prozess nicht. Umweltverbände und Teile der grünen Parteien werfen der Regierung vor, mit dem Einstieg in SMR-Technologie Zeit und Ressourcen in ein Vorhaben zu stecken, dessen Beitrag zu den Klimazielen 2030 und 2050 höchst ungewiss sei. Auch innerhalb der Industrie gibt es unterschiedliche Erwartungen: Während energieintensive Sektoren wie Chemie und Metall vor allem auf schnelle Entlastung bei den Energiekosten drängen, sehen andere Stimmen die Verwaltungsvereinfachung als eigentlichen Prüfstein für den Erfolg des Plans.
Hinzu kommt ein strukturelles Risiko, das MAKE von Anfang an begleitet: Interfederale Plattformen in Belgien haben in der Vergangenheit häufig unter der Komplexität der Kompetenzverteilung gelitten. Ob die zentrale Steuerungsgruppe tatsächlich genug politisches Gewicht hat, um Beschlüsse über alle Regierungsebenen hinweg durchzusetzen, wird sich erst an den ersten konkreten Ergebnissen zeigen.
Einordnung im europäischen Kontext
Belgien steht mit seinem Reindustrialisierungskurs nicht allein da. Auch andere EU-Staaten reagieren derzeit auf hohe Energiekosten und internationalen Wettbewerbsdruck mit eigenen Industriestrategien. Was MAKE 2025-2030 dabei heraushebt, ist die enge Abstimmung mit europäischen Prioritäten, etwa bei der Mobilisierung von EU-Finanzierungsinstrumenten für den Netzausbau. Damit reiht sich der Plan in eine breitere europäische Debatte über Belgiens Rolle innerhalb der EU ein, die weit über die bloße Präsenz der EU-Institutionen in Brüssel hinausgeht. Auch beim Thema Energiewende berührt MAKE Fragen, die bereits in unserem Artikel zu Belgien und dem Klimaschutz eine Rolle spielen – nicht zuletzt, weil sich CO2-arme Energie und industrielle Wettbewerbsfähigkeit in der Praxis nicht immer widerspruchsfrei verbinden lassen.
Was der Plan für Belgien bedeutet
Für dich als Belgien-Interessierten ist MAKE 2025-2030 vor allem aus einem Grund spannend: Es zeigt, wie ein Land mit einer komplizierten föderalen Struktur versucht, wirtschaftliche Weichen für die nächsten Jahre zu stellen. Ob aus den strategischen Zielen tatsächlich spürbare Ergebnisse werden, hängt davon ab, wie konsequent die vier Arbeitsgruppen ihre Pläne umsetzen und wie schnell sich Energiekosten und Bürokratie tatsächlich senken lassen. Branchenverbände fordern hier ausdrücklich Tempo, da erste konkrete Ergebnisse laut essenscia bereits noch im Jahr 2025 sichtbar werden sollten.
Häufige Fragen zu MAKE 2025-2030
Was bedeutet MAKE 2025-2030?
MAKE 2025-2030 ist ein interfederales Programm der belgischen Regierung, das die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie stärken und die Reindustrialisierung des Landes vorantreiben soll.
Wer steht hinter dem Plan?
Getragen wird MAKE von Premierminister Bart De Wever und Wirtschaftsminister David Clarinval, gemeinsam mit den Regierungen von Flandern, Wallonien und Brüssel sowie den wichtigsten Arbeitgeberverbänden.
Welche Themen deckt MAKE 2025-2030 ab?
Vier Arbeitsgruppen bearbeiten Energie, wirtschaftliche Interessenvertretung, Verwaltungsvereinfachung sowie den Einstieg in kleine modulare Reaktoren (SMR).
Bis wann sollen Ergebnisse sichtbar sein?
Erste konkrete Maßnahmen wurden bereits für 2025 gefordert, die vollständige Umsetzung ist bis zum Ende der aktuellen Legislaturperiode 2030 vorgesehen.
Fazit
MAKE 2025-2030 ist mehr als ein weiteres Förderprogramm. Es ist der Versuch, Belgiens föderale Zersplitterung in der Wirtschaftspolitik zu überwinden und Energie, Bürokratieabbau und internationale Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam anzugehen. Für ein Land, dessen industrielle Substanz zuletzt spürbar gelitten hat, steht damit einiges auf dem Spiel – und die kommenden Jahre werden zeigen, ob der koordinierte Ansatz tatsächlich die erhoffte Trendwende bringt.
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